Tag 16 – 26 | Am Tag 16 konnte ich noch aus meinem Isolationszimmer gehen. Ab Tag 17 bis zu meiner Abreise durfte ich es nicht mehr verlassen. Das Personal wechselte das Bettzeugs und meine Spitalkleider täglich. Gut zu wissen: Die Reifung meines Immunsystems wird sechs Monate bis zu einem Jahr dauern. Sie wird also hauptsächlich in der Schweiz stattfinden. In Moskau bleibe ich nur so lange, bis ich wieder nach Hause gehen kann.

Bis zur Rückreise alleine im Isolationszimmer

Tag 17 – 26 , 25. März – 4. April , Mi – Sa

Täglich wurden mir die Blutwerte «Hämoglobin», «Leukozyten» und «Blutplättchen» gemessen. Für erklärende Worte zu diesen Begriffen sehen Sie bitte meinen Blogeintrag «Blutkörperchen».

Tag 17 – 22, 25. – 31. März , Mi – Mi

In den ersten Tagen nach der Re-Infusion wurde ich immer schwächer. Meine MS-Symptome verstärkten sich: Meine Beine waren wie gelähmt, mein rechter Arm und meine rechte Hand fast ohne Kraft. In diesen Tagen war ich vollständig auf die Hilfe anderer angewiesen. Ich lag nur noch im Bett, konnte nicht mehr selbständig ins Badezimmer gehen. Da dies nicht mehr möglich war, konnte ich auch meine Linsen nicht mehr einsetzen. Und weil bei mir eine Brille ohne Kontaktlinsen nicht hilft, sah ich kaum etwas. Kam mir vor wie ein Maulwurf. Da ich zu schwach war aufzustehen, konnte ich nicht mehr zum Tisch gehen und dort selber essen. Deshalb löffelten die Pflegefachfrauen mir die Mahlzeiten jeweils ein. Weil ich nicht mehr selber aufs WC konnte, setzte mir eine Pflegefachrau einen Katheter ein, dessen Beutel das Personal täglich mehrmals leerte. Wenigstens konnte ich dank diesem in der Nacht durchschlafen. Beim Stuhlen läutete ich jeweils die Glocke, zwei Pflegefachfrauen kamen dann und halfen mir mühsam, ich als hilfloses Bündel, auf den WC-Sitz. Ich fühlte mich ans Bett gefesselt, lag meistens dösend im Bett,  hörte Musik oder Radio, schrieb mit einem bleischweren und schnell ermüdenden Arm Nachrichten. Oder oft las ich die Zeitung «Der Bund» von meimer Smartphone aus: Indem ich den Bildschirm ein paar wenige Zentimeter vor meinen Kopf hielt. Mein Radius war nun extrem eingeschränkt. Nicht lustig.

Tag 23, 1. April, Mi

Heute Morgen zeigte mir Dr. Fedorenko die neuen Blutwerte und meinte nur: «Alles in Ordnung!» Ich war beruhigt, dass alles im grünen Bereich war.

Heute wurde klar, dass ich nicht, wie vorgesehen, am nächsten Mittwoch 8.April werde mit der SWISS zurückfliegen können: Der Flug wurde wegen der Corona-Pandemie gestrichen. Ich telefonierte mit einem Bruder, er meinte: «Ich bin am Schauen, welche Möglichkeiten es gibt. Eines ist klar: Von Moskau wirst du nicht direkt in die Schweiz fliegen können. Anastasia, eure russische Arztsekretärin, kümmert sich auch darum. Sie meinte, dass es, je nach Flug, zum Beispiel einen Zwischenstopp in Stockholm oder Minsk in Weissrussland geben wird.»

Das freute mich sehr: Um 21.00 gab es eine Whatsapp-Video-Konferenz! Auf meinem Smartphone waren vier Köpfe zu sehen: Drei Kollegen aus der Schweiz und ich. Das war cool die drei in echt zu sehen und von ihnen zu hören, unter anderem von den ersten Tagen des Lockdowns.

Heute Morgen fühlte ich mich zum ersten Mal seit der Re-Infusion etwas stärker. Am Abend war das dann wieder weg.

Tag 24, 2. April, Do

Als Dr. Fedorenko über meine Blutwerte sprach, sagte er: «Ihre Blutwerte sind jetzt so gut, dass ab morgen Freitag keine Isolation mehr nötig sein wird und Sie das Zimmer verlassen können!» Ich war sehr erleichtert das zu hören. Was mir Sorgen machte, war der Rückflug: Konnte ich in den nächsten Tagen wieder heimreisen oder musste ich noch wochenlang in Moskau bleiben?

Gegen Mittag lag ich dösend im Bett, meine Beine gelähmt, der rechte Arm fast ohne Kraft. als plötzlich mein Bruder anrief: «Du, meine Frau Barbara und ich haben mit dem EDA wegen deinem Rückflug Kontakt aufgenommen und sind beim Schweizer Botschafter in Moskau gelandet. Es muss jetzt schnell gehen: Kommenden Samstag gibt es vielleicht eine Möglichkeit, es ist noch nicht sicher. Gut möglich, dass es für dich die letzte Chance ist, aus Moskau rauszukommen. Die wollen sofort Bescheid, das heisst für dich: In der nächsten halben Stunde brauche ich von dir die Info ob das geht.» Ich fiel aus allen Wolken, fühlte mich elend schwach und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich bis am Samstag kräftig genug war, die Rückreise anzutreten. Ich: «Danke, dass ihr euch darum kümmert. Diesen Samstag – so früh? Keine Ahnung ob das möglich ist!» Er: «Mach denen Dampf, denn: Ich brauche diese Info innert kürzester Zeit!» Ich: «Okay, ich versuche es.» Bald darauf klingelte ich die Glocke und die Pflegefachfrau kam herein. Ich: «Können Sie bitte Dr. Fedorenko holen, ich muss ihn etwas fragen!» Sie: «Das geht jetzt nicht, Sie müssen leider warten. Denn: Er ist gerade bei einer Re-Infusion und da kann er nicht einfach weg.» Ich machte der Pflegefachfrau klar, dass das ganz dringend sei. Sie zuckte nur mit den Schultern und verschwand. Hilflos lag ich im Bett und wartete. Wusste nicht wie ich handeln sollte: Zuwarten oder nach nach ein paar Minuten die Glocke noch einmal läuten? Doch, oh Wunder, Dr. Fedorenko kam schon bald und meinte: «Sie haben ein Problem?» Ich: «Am Samstag habe ich die Möglichkeit, nach Hause zu fliegen – geht das?» Dr. Fedorenko überlegte nicht lange: «Ja, das geht. Sonst noch etwas?» Ich: «Nein, das ist alles.» Er verschwand schnell aus meinem Zimmer. Mir fiel ein Riesenstein vom Herzen! Sofort rief ich meinen Bruder an und teilte ihm mit, dass ich am Samstag nach Hause fliegen konnte. Ein paar Stunden rief er mich wieder zurück: «Also, am Samstag kannst du jetzt definitv zurückfliegen. Es ist noch offen wann, morgen wird dich die Schweizer Botschaft in Moskau anrufen und dir die Details bekannt geben. Habe gehört, dass du zuerst mit dem Flugzeug nach Paris fliegst und dann mit dem Car in die Schweiz gebracht wirst. Frage: Kannst du die benötigen Formulare für die Botschaft ausfüllen und ihnen mailen? Sie brauchen die Informationen.» Ich: «Nein, das geht nicht, ich kann meine rechte Hand kaum bewegen und deshalb nicht schreiben. Kannst du, könnt ihr, das für mich machen?» Er: «Klar.»

Tag 25, 3. April, Fr

Heute, am Tag vor der Abreise, geschah sehr viel – es ging richtiggehend «die Post ab» … 🙂

  • Die erste Infusion erhielt ich bereits um 6.00.
  • Vor dem Frühstück kam die Pflegerin Olga vorbei, die mir die Kleider wechselte und mich rasierte. Erst in der Schweiz stellte ich fest, dass diese Rasur die letzte für mehrere Wochen war, da mir vorerst keine Haare mehr wuchsen.
  • Nach dem Frühstück erschien Dr. Fedorenko zum Austrittsgespräch. Er erklärte, was ich zurück in der Schweiz zu beachten hatte. Er beantwortete meine Fragen und versprach mir, dass er heute Nachmittag noch einen Physiotherapeuten vorbeischicken werde.
  • Um 10.00 begann meine Infusion mit Steroiden, die mir zur temporären Leisungssteigerung verarbreicht wurden und mich so auf die Heimreise vorbereiteten. Wegen den Steroiden konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Am Rückreisetag schlief ich dann erst um 21.00 für zwei Stunden ein.
  • Wegen meiner Rückreise war ich nun ständig am Telefon. Entweder rief ich an oder wurde angerufen. Auch die Schweizer Botschaft in Moskau kontaktierte mich. Dann endlich war es klar: Morgen flog eine Maschine der AirFrance um 15.15 von Moskau nach Paris. Uff …
  • Um 16.00 kam ein junger Physiotherapeut zu mir ins Zimmer. Ich staunte nicht schlecht wie verpackt er war – seine Kopfumwicklung erinnerte mich an einen Turban. Er machte Lockerungsübungen mit meinen Beinen, die zehn Tage wie gelähmt waren. Ich dachte im Vorfeld, dass ich mich nie mehr mit diesen werde bewegen können.
  • Gegen 18.00 konnte ich mich, zu meiner grössten Verwunderung, selbständig auf meinen Rollstuhl transferieren. Meine wiedererlangte Freiheit war für mich fast nicht fassbar! Als erstes rollte ich ins Badezimmer, legte meine Linsen ein und – konnte nach zehn Tagen wieder klar sehen! Ich räumte mein Zimmer auf, packte erste Sachen in meinen Koffer. Ich telefonierte, schrieb Whatsappnachrichten. Den ganzen Abend erfreute ich mich an meiner sehnsüchtig erwarteten Freiheit.
  • Um 1.00 legte ich mich ins Bett. Wegen den Steroiden war ich immer noch aufgedreht.
Tag 26, 4. April, Sa

Letzter Tag im Spital · Rückreise

  • Schon kurz nach dem Aufstehen erhielt ich eine Spritze gegen mögliche Muskelschmerzen während der Reise.
  • Der Physiotherapeut kam noch einmal vorbei und machte mit mir Beinübungen. Dr. Fedorenko war sichtlich bemüht, mir bis zum Schluss die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.
  • Dr. Fedorenko kam vorbei und sagte: «Gegenüber gestern sind Ihre Blutwerte noch einmal deutlich gestiegen – sehr gut! Ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise!» und verabschiedete sich herzlich von mir.
  • Um 11.00 kam wie abgemacht der Chauffeur und nahm meinen Koffer mit. Es ging los …
  • Wie es weiter ging? Für meine spektakuläte Heimreise habe ich einen separaten Blog geschrieben: «Meine abenteuerliche Rückreise».
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